Wie funktioniert Lesen lernen?

Das Lernen von Lesen ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Fähigkeiten und Schritte umfasst, die aufeinander aufbauen. Kinder lernen in der Regel schrittweise, beginnend mit der Erkennung von Lauten und Buchstaben bis hin zum flüssigen Lesen von Wörtern und Texten. Hier sind die wesentlichen Schritte, die beim Lesenlernen gemeistert werden müssen:
1. Phonologische Bewusstheit (Vorbereitung auf das Lesen)
Phonologische Bewusstheit bezeichnet die Fähigkeit, die Laute (Phoneme) in Wörtern zu erkennen und zu manipulieren. Diese Fähigkeit ist entscheidend für das spätere Lesenlernen.
- Reimwörter erkennen: Kinder lernen, ähnliche Laute in Wörtern zu identifizieren (z. B. „Haus“ und „Maus“).
- Silben zählen: Kinder üben, Silben in Wörtern zu erkennen (z. B. „Ap-fel“ hat zwei Silben).
- Laute isolieren und manipulieren: Kinder lernen, einzelne Laute in einem Wort zu erkennen und zu verändern (z. B. in „Katze“ den ersten Laut /k/ herauszuhören).
2. Buchstaben-Laut-Zuordnung (Graphem-Phonem-Korrespondenz)
Dieser Schritt verbindet die Laute, die ein Kind hört, mit den Buchstaben oder Buchstabenkombinationen, die diese Laute darstellen.
- Buchstaben erkennen: Kinder lernen, Buchstaben zu benennen und mit bestimmten Lauten zu verbinden (z. B. der Buchstabe „B“ steht für den Laut /b/).
- Buchstaben-Laut-Verbindungen üben: Sie üben, Laute mit den dazugehörigen Buchstaben zu verknüpfen, was eine Grundlage für das Entschlüsseln von Wörtern ist.
3. Wortidentifikation und Dekodierung
Wenn ein Kind Buchstaben-Laut-Verbindungen verstanden hat, muss es lernen, diese Kombinationen zu Wörtern zusammenzusetzen. Dies wird als „Dekodieren“ bezeichnet.
- Einzelne Laute zusammenziehen: Kinder lernen, Laute (z. B. /s/, /a/, /t/) zu Wörtern zu verbinden (z. B. „sat“).
- Phonetisches Lesen: In dieser Phase liest das Kind, indem es jedes Wort buchstabiert, um den richtigen Klang zu finden.
4. Wortschatzaufbau
Während Kinder immer mehr Wörter lesen, erweitern sie ihren Wortschatz. Ein größerer Wortschatz hilft, das Lesen flüssiger und schneller zu machen, weil das Kind viele Wörter direkt erkennt, ohne sie jedes Mal neu dekodieren zu müssen.
- Erkennen von häufigen Wörtern: Kinder lernen „Hochfrequenzwörter“ (auch als „Dolch-Wörter“ bekannt), die häufig vorkommen und sich nicht immer direkt phonetisch entschlüsseln lassen (z. B. „die“, „und“, „der“).
5. Flüssiges Lesen und Lesefähigkeit
Mit zunehmendem Üben können Kinder flüssiger und schneller lesen, ohne jedes Wort laut zu dekodieren.
- Automatisierung des Lesens: Wenn Kinder Wörter wiederholt lesen, erkennen sie sie schneller und ohne viel Nachdenken.
- Leseverständnis: Das Ziel ist nicht nur, die Wörter zu erkennen, sondern auch zu verstehen, was der Text bedeutet. Flüssiges Lesen ist eng mit dem Leseverständnis verbunden.
6. Lesen von Sätzen und Texten
Nachdem Kinder Einzelwörter lesen können, lernen sie, diese Wörter in Sätzen zu verbinden und länger Texte zu verstehen.
- Zusammenhänge im Text erfassen: Kinder müssen lernen, Wörter im Kontext zu verstehen, was oft bedeutet, dass sie den Zusammenhang der Sätze und Absätze begreifen müssen.
- Erzählen und Fragen zum Text: Um das Verständnis zu fördern, werden Fragen zum Text gestellt oder es wird erwartet, dass das Kind den Text nacherzählt.
7. Lesen mit Ausdruck
Schließlich lernen Kinder, flüssig zu lesen, mit richtigem Ausdruck und Intonation. Dies wird durch wiederholtes Üben und durch Vorlesen von Geschichten oder Dialogen gefördert.
- Betonung und Pausen: Beim Lesen wird geübt, wie man angemessen Pausen macht, Satzzeichen beachtet und die Betonung auf bestimmte Wörter legt, um den Text lebendig und verständlich zu machen.
8. Verstehen von Textarten und Lesestrategien
Ab einem bestimmten Punkt lernen Kinder, sich auf verschiedene Arten von Texten und Lesestrategien einzulassen.
- Unterscheidung von Textarten: Kinder erkennen Unterschiede zwischen verschiedenen Textarten wie Erzählungen, Sachtexten und Gedichten.
- Lesestrategien: Sie entwickeln Strategien wie das Vorhersagen von Inhalten, das Fragenstellen und das Zusammenfassen, um das Textverständnis zu vertiefen.